Mind-Akademie 2019

Kopf oder Zahl

Programmplan vom Symposium 2019

Benachteiligte Jugendliche - Gibt es die noch? Vortrag

Prof. Dr. Karin Büchter

Noch vor einigen Jahren wurde intensiv über benachteiligte Jugendliche im Bildungs- und Beschäftigungssystem diskutiert und geforscht. Inzwischen ist es um dieses Thema ruhiger geworden, obwohl bundesweit knapp 300.000 Jugendliche im sogenannten "Übergangssektor" sind, weil sie keinen Zugang zu Ausbildung oder weiterführender (Berufs-)Bildung haben. In Deutschland sind derzeit 3,4 Mio. Jugendliche unter 25 Jahren armutsgefährdet. Was trägt dazu bei, dass benachteiligte Jugendliche aus dem Blick geraten? Kann es daran liegen, dass Schlagworte wie Akademisierungswelle, Fachkräftemangel, Demographiekrisen, Digitalisierung etc. Wahrnehmungen, Deutungen und Diskurse über Jugend in der (Berufs-)Bildung verändert haben? Ist die Gestaltung von Bildungs- und Berufsverläufen immer mehr zu einer Frage von "Selbstregulierungskompetenz" geworden? Ist die Beseitigung von Benachteiligung eine pädagogische, weniger eine politischen Aufgabe? Diese Fragen und die Folgen werden im Vortrag diskutiert.

Zu Prof. Dr. Karin Büchter

Karin Büchter ist Professorin für Berufs- und Betriebspädagogik an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Sie hat Sozial- und Erziehungswissenschaft an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg studiert und promovierte dort. 2004 habilitierte sie sich an der Universität Hamburg mit dem Thema „Weiterbildung für den Arbeitsmarkt und im Betrieb 1919-1933“. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Berufsbildungspolitik, Berufsbildungstheorie und Berufsbildungsgeschichte.

Ein anderer Blick auf Google: Wie interpretieren Nutzer/innen die Suchergebnisseiten? Vortrag

Prof. Dr. Dirk Lewandowski

Die Suche im Internet ist eine einfache Sache: Suchanfrage eingeben, Ergebnis auswählen, lesen, fertig! Doch wie wählen wir eigentlich Ergebnisse aus? Und welche Ergebnisse werden uns überhaupt zur Auswahl angeboten?
In diesem Vortrag werde ich zeigen, wie Nutzer durch bestimmte Formen von Ergebnissen und deren Darstellung beeinflusst werden. Dabei geht es um die Kennzeichnung von Anzeigen, um Googles Eigeninteressen bei der Anzeige seiner eigenen Inhalte (bspw. YouTube) und um die Beeinflussung der Suchergebnisse durch Externe.
Also: Nach diesem Vortrag kann man nicht nur selbst besser suchen, sondern auch besser einschätzen, welchen Einfluss Google darauf hat, welche Informationen wir alle aus dem Web erhalten.

Zu Prof. Dr. Dirk Lewandowski

Dirk Lewandowski ist Professor für Information Research & Information Retrieval an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Seine Forschungsinteressen sind Web Information Retrieval, Qualitätsfaktoren von Suchmaschinen, das Rechercheverhalten der Suchmaschinen-Nutzer sowie die gesellschaftlichen Auswirkungen des Umgangs mit den Web-Suchmaschinen.
Zu seinen Veröffentlichen gehören neben den Büchern „Suchmaschinen verstehen“ (2. Auflage 2018), "Web Information Retrieval", "Handbuch Internet-Suchmaschinen" (drei Bände) und "Web Search Engine Research" zahlreiche Aufsätze, die in deutschen und internationalen Fachpublikationen veröffentlicht wurden. Als Experte war er unter anderem für den High Court of Justice (Großbritannien) und den Deutschen Bundestag tätig. Er ist einer der Distinguished Speaker der Association of Computing Machinery (ACM).
Dirk Lewandowski ist Editor-in-Chief der Zeitschrift Aslib Journal of Information Management.

Gut gemeint ist (nicht immer) gut: Anmerkungen zu dem komplexen Verhältnis zwischen Geflüchteten und ihren ehrenamtlichen UnterstützerInnen Vortrag

Prof. Annette Jünemann

Als im Herbst 2015 die sogenannte "Flüchtlingswelle" in Deutschland ankam, entschieden sich zahlreiche Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus, Geflüchtete bei ihren ersten Schritten in der neuen Heimat zu unterstützen - darunter auch ich. Spontan, empathisch, aber wenig professionell. Nach drei Jahren ist der Zeitpunkt gekommen, um Bilanz zu ziehen. Gemeinsam mit meinem Team habe ich Interviews mit Geflüchteten und mit ehrenamtlichen "PatInnen" geführt, um herauszufinden, welche Erwartungen beide Seiten hatten und in wie weit diese Erwartungen erfüllt wurden. Wie wird mit der extremen Asymmetrie in der Beziehung umgegangen? Sind freundschaftliche Bindungen entstanden und/ oder neue Abhängigkeitsverhältnisse, die das Ankommen eher erschweren als erleichtern? Wie politisch ist die Flüchtlingshilfe? Ausgangspunkt meiner Analyse ist der Agency-Ansatz, demzufolge es Ziel sein muss, dass Menschen die Kontrolle über ihr eigenes Leben schnellst möglich zurückgewinnen.

Zu Prof. Annette Jünemann

Annette Jünemann promovierte 1997 an der Universität Hamburg und habilitierte 2000 an der Universität Kassel. Seit 2003 ist sie Professorin an der Helmut-Schmidt-Universität, Universität der Bundeswehr in Hamburg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Internationalen Beziehungen, insbesondere den EU-Außenbeziehungen. Ein regionaler Schwerpunkt liegt im Mittelmeerraum (EuroMed), dem Nahen Osten und Nordafrika. In diesem Kontext arbeitet sie zu Transformations- und Demokratisierungsprozessen, auch aus Perspektive der Geschlechterforschung. Aktuell forscht Annette Jünemann zum Themenkomplex Flucht und Migration. Motiviert durch ihr eigenes Engagement in der Flüchtlingshilfe, beschäftige sie sich derzeit mit der letzten Phase der Flucht, der Ankunft in Deutschland. Gestützt auf Interviews mit allen Beteiligten untersucht sie die komplexen Beziehungen zwischen Geflüchteten, ihren ehrenamtlichen UnterstützerInnen und MitarbeiterInnen in den Behörden.

Wirtschaftliche Entwicklung und Satellitendaten nächtlicher Lichter Vortrag

Prof. Melanie Krause

Wie ist das Einkommen innerhalb eines Landes verteilt, welche Regionen profitieren vom ökonomischen Fortschritt und wie entwickeln sich die Unterschiede im Lebensstandard zwischen Stadt und Land? Um solche Fragen zu beantworten, fehlt in vielen - insbesondere ärmeren - Ländern die Datengrundlage. In den letzten Jahren greifen Ökonomen vermehrt auf Satellitendaten nächtlicher Lichter zurück, die sich als Indikator für lokale wirtschaftliche Aktivität erwiesen haben. In diesem Vortrag werden wir uns nicht nur hübsche Bilder der nächtlichen Erde ansehen, sondern die Vor- und Nachteile dieser Datenquelle für ökonomische Anwendungen diskutieren. Außerdem werden Beispiele aus der aktuellen Forschung zum Thema regionale Ungleichheit sowie zum Wachstum und zur Struktur von Städten in Afrika vorgestellt.

Zu Prof. Melanie Krause

Melanie Krause wurde 1984 im Rheinland geboren. Nach dem Abitur 2003 studierte sie Volkswirtschaftslehre und internationale Wirtschaftswissenschaften in Bonn, London, Madrid und Paris. Von 2008 bis 2014 promovierte sie im Rahmen des "Ph.D. in Economics" Programms der Goethe-Universität Frankfurt.
Seit 2015 ist sie Juniorprofessorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der Universität Hamburg. Dort forscht und lehrt sie zur Generierung und Verteilung des Wohlstandes im Rahmen von langfristigem Wirtschaftswachstum und nachhaltiger Entwicklung. Von 2017 bis 2020 leitet sie mit zwei Kollegen das DFG-finanzierte Forschungsprojekt "Shining (New) Light on Regional Convergence, Inequality and Development", in dem sie mit Satellitendaten nächtlicher Lichter arbeitet.
Melanie lebt mit Partner und Tochter in Hamburg. Sie ist seit 2001 Mitglied bei Mensa und ab und zu bei Hamburger Mensa-Veranstaltungen wie Live Escape Games und den fremdsprachlichen Stammtischen anzutreffen.

Zusammen oder getrennt? Zu einer Grundfrage des Familienrechts Vortrag

Professorin Anne Röthel

Familiäre Lebensformen haben sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts tiefgreifend verändert. Die frühere "Normalfamilie", bestehend aus zwei miteinander verheirateten Eltern, die mit ihren gemeinsamen Kindern zusammen leben, ist nur noch eine unter mehreren familiären Lebensformen. Paare müssen nicht zusammen leben (living apart together), und Eltern können sich trennen. Auch müssen biologische, genetische und soziale Elternschaft nicht zusammenfallen: Kinder können durch Eizell- und Samenspende gezeugt und von einer Leihmutter geboren werden und bei ihren sozialen Wunscheltern aufwachsen.

Wir wollen gemeinsam ergründen, welche Herausforderungen diese Veränderungen für das Recht bedeuten. Ist es ein sinnvolles Anliegen für das Recht, Beziehungen zusammen zu halten? Wie kann das Recht die Interessen von Kindern schützen? Sollte das Recht sich diesen Entwicklungen eher anpassen oder umgekehrt Einfluss nehmen?


master - 3a5e22f5 @ Sun Sep 29 17:00:20 2019 +0200